Das Comeback des Sekundärmarkts: Welche Uhren 2026 wieder im Wert steigen
Luxoria Redaktion

Drei Jahre lang ging es nur bergab. Nach dem Hype von 2021 und 2022, als Rolex Daytonas für das Dreifache des Listenpreises gehandelt wurden und Twitter-Accounts mit „Watch Dealer" in der Bio über Nacht auftauchten, kam die Ernüchterung. Preise fielen, Spekulanten verschwanden, und der Markt fand langsam zu dem zurück, was er sein sollte: ein Ort für Menschen, die Uhren lieben — nicht für solche, die schnelles Geld suchen.
2026 ist das Jahr, in dem diese Korrektur Früchte trägt.
Die Zahlen: Erste Erholung seit 2022
Die Schweizer Uhrenexporte gingen 2024 um 2,8 Prozent auf 26 Milliarden Schweizer Franken zurück — der erste Rückgang seit der Pandemie. Im Januar 2026 setzte sich der Abwärtstrend fort mit einem Minus von 3,6 Prozent. Der chinesische Markt bleibt schwach mit einem Rückgang von über 35 Prozent.
Doch unter der Oberfläche der Exportzahlen erzählt der Sekundärmarkt eine andere Geschichte. Patek Philippe legte 2025 um 7,7 Prozent zu. Grand Seiko stieg um 4,2 Prozent. Tudor gewann 3,4 Prozent. Cartier und Rolex jeweils 3,3 Prozent. Bei Audemars Piguet werden 63 Prozent aller Modelle über dem Listenpreis gehandelt, bei Rolex sind es 56 Prozent.
Die Erholung ist real — aber sie ist nicht gleichmäßig. Wer profitiert, sind Marken und Modelle mit substanzieller Handwerkskunst und historischer Relevanz. Was nicht steigt, sind die Hype-Modelle der Pandemie-Ära.
Der Elefant im Raum: US-Zölle
Die US-Zollsituation bleibt der dominante Faktor für den globalen Uhrenmarkt. Von historischen 0 bis 2,5 Prozent stiegen die Zölle auf Schweizer Uhren im August 2025 auf 39 Prozent. Nach bilateralen Verhandlungen wurden sie auf 15 Prozent gesenkt — immer noch das Sechsfache des früheren Niveaus.
Rolex reagierte mit durchschnittlich 7 Prozent höheren Retailpreisen ab Januar 2026. Patek Philippe wählte den entgegengesetzten Weg: US-Preise um etwa 8 Prozent gesenkt, internationale Preise erhöht und Händlermargen gekürzt. Zwei Strategien, ein Problem: Die Zeiten günstiger Schweizer Uhren in den USA sind vorbei.
Für europäische Käufer bedeutet das paradoxerweise eine Chance: Der Preisunterschied zwischen Europa und den USA war nie größer. Wer in Frankfurt, München oder Genf kauft, spart gegenüber New York teilweise über 20 Prozent.
Drei Marken mit besonderem Potenzial
Tudor — Tudor feiert 2026 sein 100-jähriges Jubiläum und hat sich in den vergangenen Jahren konsequent von der Wahrnehmung als „erschwingliche Rolex" emanzipiert. Die eigenen Kenissi-Manufakturwerke, COSC-Zertifizierung und ein eigenständiges Designvokabular machen Tudor zu einer der interessantesten Marken im Bereich unter 5.000 Euro. Die Black Bay 58 gilt als herausragendes Preis-Leistungs-Angebot. Die Royal- und 1926-Dress-Kollektionen werden von Experten als deutlich unterbewertet eingestuft.
Grand Seiko — Kaum eine Marke bietet so viel Substanz für so wenig Aufmerksamkeit. Die Spring-Drive-Technologie — ein einzigartiger Hybrid aus mechanischem, elektronischem und Quarzantrieb — existiert bei keinem anderen Hersteller. Die Zaratsu-Politur erzeugt verzerrungsfreie Spiegelflächen, die mit jeder Schweizer Finissage mithalten. Die legendäre „Snowflake" hält exzellente Wiederverkaufswerte. 2026 debütiert Grand Seiko prominenter bei Watches & Wonders und stellt mit Credor ein Ultra-Luxus-Sublabel vor.
H. Moser & Cie. — Die Schaffhauser Manufaktur hat sich mit ihren berühmten Fumé-Zifferblättern und dem „No Logo"-Konzept eine Nische geschaffen, die bei Sammlern zunehmend Begehrlichkeiten weckt. Die Zusammenarbeit mit Kari Voutilainen für Werkfinissagen verleiht der Marke eine Glaubwürdigkeit, die größere Häuser erst aufbauen müssen. Auktionsergebnisse bei Sotheby's steigen kontinuierlich.
Vintage: Was Kenner jetzt suchen
Bei Christie's und Phillips werden Rekordpreise erzielt: Eine Rolex Cosmograph Daytona „The King" erzielte im Oktober 2025 über 5,2 Millionen Dollar. Eine F.P. Journe, einst im Besitz von Francis Ford Coppola, brachte 10,8 Millionen Dollar — Weltrekord für unabhängige Uhrmacher. Fünf aufeinanderfolgende „White Glove"-Auktionen bei Phillips New York, bei denen 100 Prozent aller Lose verkauft wurden, signalisieren robuste Nachfrage.
Unterbewertete Vintage-Rolex-Referenzen, die Kenner 2026 im Blick haben: Die GMT-Master II „Fat Lady" aus den frühen 1980ern, die originale Milgauss Ref. 1019, die Oysterdate Precision in 34 Millimetern unter Datejust-Preisen, die Sea-Dweller Ref. 16600 ohne Zyklop-Lupe und die GMT-Master II „Root Beer" in Bicolor.
Der übergreifende Trend: Kleinere Gehäuse und Bicolor-Modelle gewinnen an Traktion — im Einklang mit dem allgemeinen Zeitgeschmack.
Was das alles bedeutet
Der Sekundärmarkt 2026 ist nicht mehr der Wilde Westen der Pandemie-Jahre. Er ist reifer, rationaler und belohnt diejenigen, die Uhren als das verstehen, was sie sind: mechanische Kunstwerke mit einer Geschichte. Die Spekulanten sind weitgehend verschwunden. Zurück geblieben sind die Sammler.
Für jeden, der über einen Einstieg nachdenkt, war der Zeitpunkt selten günstiger. Die Blase ist geplatzt, die Korrektur ist verarbeitet, und die Erholung hat begonnen — selektiv und substanziell. Wer jetzt Tudor bei 3.000 Euro oder Grand Seiko bei 5.000 Euro kauft, könnte in fünf Jahren auf eine sehr kluge Entscheidung zurückblicken.
Aber das sollte nicht der Grund sein, eine Uhr zu kaufen. Der Grund sollte sein, dass man sie jeden Morgen gerne anlegt.
